Geschichte

Im Juni 2014 feierten die Danze-Liut mit einem abendfüllenden Bühnenprogramm "Zehn Jahre Tänze des Mittelalters und der Renaissance in Büdingen". Die zu diesem Anlaß erstellte und an dem Abend gezeigte Diashow bildet die Grundlage dieser Seiten.

Aus der Vergangenheit in die Gegenwart tanzen

Prozessionstanz, Illustration zur Versnovelle "Die Heidin", Stuttgart 1470

Woher stammen die Choreographien der Danze-Liut? Viele Tänze der Gruppe basieren auf zwei Quellen der Renaissance und des Barock, auf die sich zahlreiche Mittelaltertanzgruppen berufen.

Branle bei Hof (Frankreich), Illustration über der passenden Melodie aus einer Handschrift von Guillaume de Marcheaut, ca. 1350

Der Grund für diese spät datierte Referenz ist, dass die Professionalisierung des (höfischen) Tanzes in Europa zwar bereits im Hochmittelalter einsetzte, schriftliche Aufzeichnungen aber erst mit dem ausgehenden Mittelalter bzw. ab der Renaissance vorliegen. Zum einen weil das Mittelalter wesentlich eine Kultur der auditiven und visuellen Weitergabe, des Gedächtnisses und der Erinnerung war, nicht in erster Linie der schriftlich fixierten Tradition.

Renaissancetanz, Illustration aus der Nürnberger Chronik von Hartmann Schedel, 1493

Zum anderen bot erst die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg (um 1450) die Möglichkeit, die inzwischen entwickelten Notenschriften und Tanzbeschreibungen geordnet, relativ kostengünstig und in großer Menge an eine Öffentlichkeit abzugeben, die dank Einführung der Schulpflicht (zuerst 1592 in Straßburg) allmählich in immer weiteren Teilen des Lesens und Schreibens kundig war.

Thoinot Arbeau Die eine der beiden Quellen für die Tänze der Danze-Liut ist Thoinot Arbeau (1519 bis 1595) - ein Pseudonym/Anagramm für Jehan Tabourot. Der wohlhabende Kleriker und Domherr an der Kathedrale zu Langres (Frankreich) muss Musik und (ganz unstandesgemäß!) auch Tanz sehr geliebt haben: Ihm verdanken wir die umfangreichste tanzpädagogische Schrift der frühen Neuzeit, die "Orchésographie" (1588). Er verwendet dabei eine von ihm selbst entwickelte Noten- und Tanzschrift.

"Wenn Ihr in Gesellschaft tanzet, so senket auf keinen Fall den Kopf, um Eure Schritte zu überprüfen oder gar um nachzuschauen, ob Ihr auch gut tanzet. Haltet Kopf und Körper vielmehr aufrecht, der Blick sei stolz und selbstbewusst. Spucket und schneuzet nur wenig, und wenn die Not Euch dazu zwinget, so wendet den Blick zur Seite und nutzet ein reinliches Schnupftuch. Plaudert gar freundlich mit der Dame Eurer Wahl, mit lieblicher und ehrsamer Rede. Lasset die Hände locker, nicht leblos hängend, aber auch nicht wild gestikulierend. Seid in jedem Falle ordentlich gekleidet, mit stramm gezogenem Wams und sauberen Schuhen."

In der "Orchésographie" brachte der damals immerhin 69-Jährige seinem fiktiven Tanzschüler, dem Studenten Capriol, nicht nur Flötentöne und grazile Schritte zu damals gebräuchlichen Tänzen wie Branle, Gaillarde, Pavane, Allemande, Courante und Basse Dance bei, sondern schulte ihn auch in feinem Benehmen, im Umgang mit den Damen und in diversen gesundheitlichen, gesellschaftlichen, erotischen und kosmischen Dimensionen des Tanzes:

"Übet Euch unterdessen sehr rechtschaffen in dieser Kunst - und Ihr werdet wahrlich zum Gefährten der Planeten, die auf ganz natürliche Weise tanzen!"

John Playford Die zweite Quelle für unsere Tänze ist John Playford (1623 bis 1686). Der seinerzeit in London ansässige Musikverleger, selbst Hobby-Komponist und Mäzen junger Tonmeister, erkannte das Verkaufspotential von Tanzmelodien und -beschreibungen. Seine erste Ausgabe von "The English Dancing Master" (1651) versammelte bürgerliche, ehemals höfische sowie ländliche Tänze seiner Zeit sowie aus bedeutend früheren Epochen und war überaus erfolgreich. 23 Fortsetzungen der Erstausgabe wurden von Playfords Nachkommen publiziert, die letzte davon 1728. Insgesamt beschreibt die Bestseller-Serie 1053 Tänze inklusive Melodie, 186 Melodien ohne Tanz und drei Lieder.

Arbeau wie Playford lassen trotz ausführlicher Tanzbeschreibungen Spielraum für Interpretation und eigene choreographische Ideen zu. Arbeau beschrieb zudem eine Vielzahl "mimischer", also schauspielerischer/darstellerischer Tänze sowie kombinierte Tanz-Suiten, deren genaue Umsetzung sich jede Tanzgruppe selbst erarbeiten muss. Hilfreich sind hierbei unter anderem auch bildliche Darstellungen von Tänzen des Mittelalters und der Renaissance sowie die Tanzbeschreibungen weiterer, vor allem italienischer Meister.

Hiltbolt von Swanegoen, zwei Damen zum Reigen führend

Historische Abbildung: "Hiltbolt von Swanegoen (Hiltbolt von Schwangau), zwei Damen zum Reigen führend". Illustration aus der berühmten, in mittelhochdeutscher Sprache abgefassten Manessischen Liederhandschrift, die um 1300 in Zürich entstand.
(Quelle: Wikimedia Commons)

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